Polen ist immer eine Reise wert – besonders abseits befestigter Wege. So war es endlich wieder Zeit, eine Stammtischtour für offroadbegeisterte Enduristen zu unternehmen. Polen liegt ja quasi vor der Haustür. Ein Termin war schnell gefunden: ein verlängertes Wochenende um Himmelfahrt, fünf Tage insgesamt. Carsten, Sönke und Göran waren sofort dabei. Leider meinte es der Wettergott nicht allzu gut mit uns, obwohl Carsten sein Bestes gab, ihn milde zu stimmen. Es half nichts – es wurde feucht von oben.
Da wir alle drei aus dem Süden Berlins kommen, trafen wir uns in Hoherlehme und starteten Richtung Frankfurt/Oder, um zügig ins Nachbarland zu gelangen: Carsten auf seiner CRF300, Sönke mit der KTM 690 und Göran auf der WR250R. Um dem LKW-Verkehr zu entgehen, mieden wir die Autobahn. Bei Kleszczewo, etwa 150 km von zu Hause entfernt, stiegen wir in den Trans European Trail ein. Unsere Route führte nach Norden, Ziel der ersten Tagesetappe war Barlinek. Schon der erste Tag ließ unsere Enduristenherzen höherschlagen. Im moderaten Tempo ging es entlang von Waldrändern, Feldwegen und gelegentlich auch über Straßen. Mit zunehmender Sicherheit steigerten wir das Tempo. Kurz vor Barlinek forderte ein Singletrail unsere volle Konzentration: Auf einer rückgebauten Bahntrasse hatte sich die Natur breitgemacht, dichter Bewuchs ließ kaum Platz, und rechts wie links fiel das Gelände steil ab. Die tief hängenden Äste verfingen sich gelegentlich im Helmschild.




In Barlinek bezogen wir Quartier im „Leśny Dom“, idyllisch im Wald am See gelegen. Die freundliche junge Frau am Empfang empfahl uns die Bar Papugami. Dort gab es hervorragende Pizza und alkoholfreies Bier – wir waren ja mit den Mopeds unterwegs. Alt wurden wir an diesem Abend aber nicht.
Am nächsten Morgen erwartete uns ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Wir stärkten uns und legten die Route für die kommenden Tage fest. Wir entschieden uns für den westlichen Teil des Tracks. Die Strecke führte zunächst durch offene Landschaft, später zunehmend durch Wälder. Einige interessante sandige Passagen waren ebenfalls dabei. In einem Waldstück kamen wir an einem mäandernden Fluss vorbei, an dessen Ufer – gut versteckt – zahlreiche Bunker lagen. Leider fehlte uns die Zeit für eine Erkundung.
Nach einigen Kilometern erreichten wir eine alte Eisenbahnbrücke und machten Fotos. Wenig später hielt Sönke erneut an: Links befand sich eine steile sandige und tief verspurte Auffahrt. Göran versuchte sein Glück und schaffte es fast bis nach oben. Bergab ging es deutlich leichter. Carsten und Sönke beobachteten das Ganze amüsiert. Später trafen wir zwei polnische Fahrer, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren. Wir plauderten eine Weile – ihr Tagespensum war beeindruckend. Offenbar sollten wir künftig früher aufstehen.
Allmählich ließen unsere Kräfte nach, und wir suchten ein Quartier. In der Nähe von Sieraków wurden wir fündig: eine schön angelegte Hotelanlage. Wir machten uns auf den Weg und verließen die TET-Strecke. Die Strecke erlaubte einige zügige Schräglagen – ein ungeplanter, aber großartiger Spaß. Nach etwa 30 Kilometern erreichten wir das Hotel „Kama Park“. Diesmal blieben wir im Haus und ließen es uns im Restaurant gutgehen. Sönke empfahl die typisch polnische Suppe Żurek – sehr lecker. Dazu ein köstliches Bier und der Tag war perfekt.








Für den nächsten Tag nahmen wir uns vor, etwas früher aufzubrechen. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es kurz nach halb zehn los. Allerdings mussten wir erneut die 30 km zurück zur TET-Strecke fahren. Ab Wronki ging es wieder Offroad weiter, überwiegend durch bewaldetes Gebiet. Das Wetter blieb den ganzen Tag verregnet. Die Strecke war abwechslungsreich, aber der Regen setzte uns zu, sodass wir frühzeitig eine Unterkunft suchten. In Września quartierten wir uns in der Pension Platynowa ein. Der Eigentümer empfing uns herzlich, obwohl wir und unser Gepäck aussahen, als wären wir einer Wildschweinsuhle entstiegen. Nach einer warmen Dusche war die Welt wieder in Ordnung.
Zum Abendessen folgten wir der Empfehlung der Rezeptionistin und gingen zu Fuß in die Stadt. Die Eisenbahnbrücke war zwar offiziell gesperrt, wurde aber von den Einheimischen trotzdem genutzt – also taten wir es ihnen gleich. Im Restaurant Rynek hatten wir Glück: Ein Tisch war für uns frei. Das Essen war hervorragend. Die Bedienung sprach perfektes, aber rasend schnelles Englisch. Ebenso schnell war das Essen auf dem Tisch. Wildschweingulasch mit grauen Knödeln und Gurkensalat – ein Traum. Auch die Rinderbäckchen und das Nudelgericht waren ausgezeichnet.




Zurück in der Pension erwartete uns überraschend eine Party direkt unter unseren Zimmern. Das wurde zwar nicht bei der Buchung erwähnt, aber wir waren müde genug, um trotzdem gut zu schlafen.
Für Samstag planten wir, ein Stück des südlichen TET Richtung Deutschland zu fahren. Dafür mussten wir etwa 100 km Straße nach Süden zurücklegen. Um 7:30 Uhr gab es Frühstück. Die freundliche Dame kümmerte sich rührend um die Gäste, auch wenn wir uns sprachlich gelegentlich missverstanden. Zehn Minuten später brachte sie jedem zwei frisch zubereitete Spiegeleier und zwei dicke Speckscheiben. Göran hatte sich zuvor ein Spiegelei vom Buffet genommen und wurde prompt ermahnt – sie hatte doch extra für ihn gekocht.
Kurz vor neun verabschiedete uns der Eigentümer und überreichte jedem ein kleines Geschenk. Nach einem Tankstopp fuhren wir bis Milicz onroad, um schnell zur südlichen TET-Sektion zu gelangen. Das Wetter war nun herrlich, und der Fahrtwind trocknete unsere Sachen vom Vortag. Der TET führte uns diesmal westwärts. Die Strecke war abwechslungsreich und gut befahren. An einem Damm entlang eines Flusses verpassten wir eine Einfahrt und landeten auf der falschen Seite. Also wenden und zurück. Von oben auf dem Damm war die Sicht deutlich besser.
Später machten wir an einem kleinen Fluss Rast, als plötzlich heftiger Motorenlärm aufkam. Wir schoben die Motorräder vorsichtshalber zur Seite. Eine Gruppe 4×4-Buggys driftete an uns vorbei. Danach ging es weiter über den Damm, der einige tiefe Löcher bereithielt, aber niemand kam zu Schaden. Die letzten 21 km Offroad führten durch offene Landschaft und waren nicht weniger spannend als die vorherigen Tage.
Unser Tagesziel war Bolesławiec, etwa 30 km entfernt. Dort empfing uns der Quartiermeister im „Comfort Stay“ freundlich und zeigte uns den Stellplatz für die Maschinen. Nach dem Frischmachen entschieden sich Carsten und Göran für ein georgisches Restaurant. Sönke fühlte sich nicht gut und blieb im Zimmer. Dank Google gelang es uns, die Speisekarte zu entschlüsseln. Die Kommunikation mit der Bedienung war für beide Seiten amüsant und wir bestellten schließlich mehr, als wir essen konnten. Lecker war es trotzdem. Damit ließen wir den Abend zufrieden ausklingen – etwas wehmütig, weil die Reise sich dem Ende näherte.








Am Sonntag war Rückreisetag. Beim Frühstück streikte die Kaffeemaschine und niemand vom Personal war zu finden, also gab es Tee. Das Wetter zeigte sich warm und sonnig, als wolle Polen uns zum Abschied noch einmal seine schönste Seite zeigen – obwohl es das gar nicht nötig gehabt hätte. Wir hatten Spaß, trafen freundliche Menschen und genossen gutes Essen. Die Strecken waren abwechslungsreich, mal anspruchsvoller, mal leichter, aber immer fahrbar. Verspurte Sandpassagen mit großen Löchern sorgten für Herausforderungen, aber ein beherzter Zug am Gas brachte meist Freude.
Technische Ausfälle gab es keine ernsthaften, nur Kleinigkeiten wie eine durchgebrannte Sicherung oder unzuverlässige Stromversorgung des Navigationsgerätes. Diese kleinen Probleme konnten allerdings schnell behoben werden.
Für die Heimfahrt wählten wir unterschiedliche Routen: Sönke nahm die Autobahn, Carsten und Göran fuhren entlang der Neiße über Bad Muskau Richtung Berlin. Auch dort gab es schöne Strecken zum entspannten Motorradbummeln. Am späten Nachmittag waren wir alle wieder zu Hause – erschöpft, dreckig und voller Glücksgefühle.
Diese Tour ruft nach einer Wiederholung.
Text: Göran
Bilder: Carsten, Göran
